Die Olympia-Promotorinnen und Promotoren haben den Bogen im Rahmen der Kampagne für die Spiele 2026 überspannt. Darum habe ich den Funktionären der Wirtschaftsverbände einen offenen Brief geschrieben. Der Text wurde am 16.01.2017 in der Suedostschweiz (in leicht gekürzter Form) publiziert:

Liebe Olympia-Promotorinnen und Promotoren

Seit ich drei Jahre alt bin, fahre ich Ski. Als Kind einer Skifahrer-Familie im Prättigau träumte ich von der Olympia-Medaille. Es folgten einige Jahre Training in der JO und im Kader des Stützpunktes Davos/Prättigau. Nach einem Jahr FIS-Rennen stand ich vor der Entscheidung: Handelsmittelschule am Sportgymnasium Davos oder KV-Lehre bei einer Grossbank? Ich entschied mich für den Beruf. Das schien mir sicherer. Meine Entscheidung bereue ich selten. Aber wenn ich das Lauberhornrennen mit der „Minsch-Kante“, dem „Haneggschuss“ oder dem „Brüggli-S“ sehe, fühle ich zugleich Wehmut und Leidenschaft für den Sport. Darum bin ich aktiver und passiver Skifahrer geblieben.

Innerhalb der SP gehöre ich grundsätzlich zu den Olympia-Freunden. Es macht mir keine Freude, dass andere nicht meinen Kindheitstraum in Graubünden erleben sollen. Aber nach Lehrjahren bei einer Grossbank und einem Wirtschaftsstudium an der HTW musste ich einsehen, dass Olympische Spiele ein finanzielles Hochrisikogeschäft ohne nachhaltigen Nutzen für Graubünden sind. Es gibt keine wirtschaftswissenschaftliche Studie, die einen volkswirtschaftlichen Nutzen von Olympia belegt. Ökonomen der Universität Oxford rechneten nach, dass die durchschnittliche Budgetüberschreitung bei Winterspielen 135 Prozent beträgt. Auch die bürgerliche NZZ schreibt Klartext: „Olympia taugt nicht als wirtschaftliches Revitalisierungsprogramm“. Meine Nein-Position ist Resultat einer nüchternen Abwägung, mit Emotionen hat sie eigentlich nichts zu tun.

Trotzdem werde ich in den nächsten Wochen viele Stunden ehrenamtlich in die Kampagne gegen die Olympia-Zwängerei investieren und im Kampagnen-Kernteam mitarbeiten. Motiviert wurde ich vom Verhalten der Olympia-Promotoren. Am 12. Februar geht es nicht mehr einfach um Olympia. Es geht um Anstand, um Diskussionskultur und um die Art und Weise, wie wir Demokratie in Graubünden leben.

Im Rahmen der Nein-Kampagne fragte ich vier KMU-Unternehmer an, ob sie im Komitee mitarbeiten wollen. Hinter vorgehaltener Hand sagten sie offen: Olympia nützt meinem KMU nichts. Öffentlich wollen sie das aber nicht sagen. Sie seien unter Druck. Die Funktionäre der Wirtschaftsverbände – die selbst keine Unternehmer sind! – haben eine Kultur der Angst geschaffen. Ihre Mitglieder getrauen sich nicht mehr zu ihrer Meinung zu stehen. Dieser soziale und wirtschaftliche Druck ist in einer Demokratie kein legitimes Mittel!

Die Wirtschaftsverbände haben sich sämtliche Vorbereitungsarbeiten von den Steuerzahlenden finanzieren lassen. Olympia soll ein gutes Geschäft sein, aber selbst investieren wollen sie nichts. Das ist unglaubwürdig. Und jetzt wollen sie auch noch, dass wir Steuerzahlende ihre Inserate und Plakate über Gemeindebeiträge mitfinanzieren. Dieses Verhalten ist ganz einfach dreist!

Ja oder Nein zu den Spielen? Beide Positionen sind legitim. Sportbegeisterung oder finanzieller Sachverstand. Beides lässt sich begründen. Die Promotoren greifen aber Vertreter der Nein-Seite auf Podien und in Leserbriefen stets persönlich an. Gerade eine JA-Kampagne müsste doch Argumente liefern statt Gegner zu verunglimpfen. Ein mittelmässiges Kommunikationsbüro hätte den Promotoren diesen Rat gegeben. Doch entweder ist die gewählte Agentur unprofessionell oder die Kundschaft renitent. Beides wäre bedenklich. Eine reife Demokratie hat eine andere Art und Weise der Diskussion verdient.

Die Funktionäre der Wirtschaftsverbände haben den Bogen überspannt. Es geht um mehr als Olympia. Es geht darum, ob wir Zwängerei, Verhöhnung Andersdenkender und mit Steuergeldern finanzierte Kampagnen dulden. Wer staatpolitisch verantwortungsvoll handelt, stimmt darum Nein.

* Dieser Text wurde in leicht gekürzter Form am 16.01.2016 in der Suedostschweiz publiziert.

Lukas Horrer

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